Ausstellungsprojekte
::: Afra-Positionen
:::::: Matthias Brauer

Ausstellung im Alten- und Pflegeheim St. Afra, Augsburg

In der Basilika St. Ulrich und Afra, in der Ausstellung "Das Kreuz der Venus. Feuer, Tod und Schönheit.", sowie in der Sonderausstellung des Diözesanmuseums, haben wir die Möglichkeit sowohl die Werke bedeutender Künstler vergangener Epochen zur Thematik der Heiligen Afra, als auch die unterschiedlichen Ansätze zeitgenössischer Künstler im Spannungsfeld zwischen Tradition und Abstraktion kennen lernen. Das Spektrum der unterschiedlichen Positionen wird hier, im Alten- und Pflegeheim St. Afra, bereichert um diejenige Matthias Brauers, welche sich in vieler Hinsicht von den anderen unterscheidet.

Herr Brauer widmete der Heilige Afra einen Zyklus von 30 Bildern. Konstituierende Grundelemente aller Blätter sind freihändig gezeichnete Rechtecke unterschiedlicher Größe. Zum Teil wurden diese Rechtecke mittels grüner, roter, grauer, brauner und schwarzer Filzstifte farbig ausgefüllt, auf der verbleibenden Fläche ließ der Künstler das Weiß des Papiers wirken. Auffällig ist, dass der Zyklus variiert zwischen Blättern die fast zur Gänze mit Rechtecken ausgefüllt sind und solchen, auf denen sich nur wenige Rechtecke finden. Dadurch entsteht in der Zusammenschau ein Wechsel aus `dichteren` und `leichteren` Arbeiten. Betrachtet man nun ein einzelnes Blatt genauer, so stellt man fest, dass die Rechtecke dergestalt gruppiert sind, dass sie unter anderem als Chiffren für einen Menschen, und als Kürzel für gleichförmige Wohnblöcke gelten können. Hat der Betrachter die Bilder entsprechend dechiffriert, dann kann er das Schicksal eines Protagonisten, bzw. einer Protagonistin im Wechsel mit Bildern einer gleichförmigen, anonymen Stadtlandschaft verfolgen. Im Verlauf des Bildzyklus fängt die Protagonistin Feuer, und verbrennt letztlich zur Gänze, ohne Hilfe von außen. Letztlich scheint der Funke jedoch übergesprungen zu sein, ein Rollladen ist offen, manche Wohnungen sind schwarz, scheinen Feuer gefangen zu haben.

All diese Assoziationen sind freilich weitgehend subjektiv, abhängig von den Sehgewohnheiten und Kenntnissen des Betrachters. Das Problem der richtigen Identifizierung und des Verständnisses ist aber kein Phänomen der Abstraktion, denn auch das Erkennen der traditionellen Afra - Ikonographie hängt von den entsprechenden Vorkenntnissen des Rezipienten ab. Welcher Ansatz liegt nun der abstrakten, chiffrierten Bilderzählung des Künstlers zugrunde; Anders gefragt, von welchen Vorkenntnissen geht er aus?

Ein sakraler Comic-Strip des 21. Jahrhunderts?

Matthias Brauer hat den Versuch unternommen, die Heilige Afra zu vergegenwärtigen, sie durch seine Bilder über die enorme zeitliche Kluft von 1700 Jahren ins hier und heute zu transportieren. Eine Vergegenwärtigung, die aber nicht mittels der Ikonographie der brennenden, an einen Baumstamm gefesselten, Frau erfolgte, sondern durch einen künstlerischen Tranfsormationsprozeß: Das reduzierte Formenrepertoire und die Lokalfarbigkeit lassen die Bilder des Zyklus bei einer oberflächlichen Betrachtung beinahe wie Szenen aus einem Comicfilm wirken. Im ersten Moment mag es vielleicht erstaunen, Comic - Bilder mit einer Heiligen in Verbindung zu bringen, doch auch die narrativen Freskenzyklen Giottos, der ja am Anfang des 14. Jahrhunderts tätig war, könnte man im Grunde als `sakrale Comic- Strips` bezeichnen. Während Giotto und seine Nachfolger sich aber um die Darstellung körperlichen Volumens, und die Erzeugung von Räumlichkeit bemühten um dem zeitgenössischen Betrachter die sakralen Thematiken anschaulich zu vermitteln, negiert Herr Brauer jegliche Raumillusion und jeglichen Verismus. Dadurch gelangt er zu Ergebnissen, die der einfachen Gestaltung mancher Zeichentrickserien ähneln. Auf diese Weise kommt er einerseits unseren heutigen Sehgewohnheiten entgegen, setzt diese andererseits aber fast voraus. Jedoch laufen die Bilder des Künstlers nicht wie ein Film vor dem Betrachter ab, sondern der Rezipient muss selbst aktiv werden, und sich deren Inhalt Schritt für Schritt erschließen. Hierbei ist auch geistige Mobilität gefragt, da sich die abstrakten Darstellungen einem schnellen, einfachen Bildkonsum - wie wir ihn im Zeitalter der Massenmedien gewohnt sind - verschließen.

Die multimediale Bilderflut hat zwangsläufig zu einem Abstumpfungsprozess geführt; Leid, Schmerz, Qual und Trauer bekommen wir heute tagtäglich in realer wie fiktiver Form vorgeführt, und dadurch wird es immer schwerer, uns mittels Bildern emotional zu erreichen. Zudem seien solche realistischen Bilder, wie Matthias Brauer meint, nach einem Jahrhundert fotografischer und filmischer Kriegsberichterstattung zu sehr mit dieser Thematik vorbelastet, und daher nicht für die künstlerische Auseinandersetzung mit der Vita der Heiligen Afra geeignet. Auf seiner Suche nach "unvorbelasteten" und unverbrauchten Bildern fand der Künstler Illustrationen aus dem Struwwelpeter, genauer gesagt die Illustrationen zum Schicksal der Pauline. Herr Brauer war fasziniert von der visuellen Ähnlichkeit zwischen den Bildern aus einem Kinderbuch des 19. Jahrhunderts und der Ikonographie der Heiligen Afra, und beschloss diese Illustrationen zum Ausgangspunkt seiner Arbeit zu machen.  

Der künstlerische Ansatz aus kunsthistorischer Perspektive

Aby Warburg (1866 - 1929), ein bedeutender Kunsthistoriker und Begründer der "Ikonologie", bemühte sich in seiner Arbeit um eine kulturgeschichtlich fundierte Kunstgeschichte. Ein Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit war die Untersuchung der Tradierungswege bestimmter Bildmotive über Epochen-, Länder- und Gattungsgrenzen hinweg, wofür er den prägnanten Begriff des "Schlagbildes"(1) prägte. Übertragen auf den Ansatz Herrn Brauers könnte man vom "Schlagbild" der brennenden Frau sprechen das im Kostüm eines Mädchens des 19. Jahrhunderts Eingang in ein Kinderbuch erlangte, dadurch weite Verbreitung fand und bis heute sehr bekannt ist - also zum "Schlagbild der Kindheit" wurde. Herr Brauer übersetzte die Pauline - Illustrationen in einen Zyklus abstrakter Bilder, womit er eine thematische Distanz schuf, und zugleich eine Distanz zum Rezipienten. Oder, um Aby Warburg nochmals zu bemühen, der Künstler hat auf die "hohl gewordene Pathosformel"(2) der züngelnden Flammen verzichtet, und Bilder geschaffen, die sich nicht aufdrängen, sondern der schnellen Lesbarkeit entziehen.

Zusammenfassend betrachtet geht es dem Künstler also nicht darum visuell zu appellieren oder zu unterweisen, wie dies etwa bei Bildern der Politik, des Marketing, oder der Pädagogik der Fall ist; die Botschaft lautet nicht "Kauf das", "Tu oder las dies oder jenes" Stattdessen würde ich die Bilder des Afra - Zyklus als Einladung an den Betrachter sehen, sich selbst Gedanken zu machen. Anders formuliert: Das Imago - das Bild - ist hier nur der Zündfunke zur eigenen Imagination des Betrachters.
Und ich hoffe, das dieser Funke vor allem auf die Bewohner, die Mitarbeiter und natürlich auch auf die Besucher des Alten - und Pflegeheims St. Afra überspringt.

 

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(1) Erstmals 1919 in dem Aufsatz "Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeit" verwendet (publiziert in den Sitzungsberichten der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1919).

(2) Erstmals 1905 in einem Vortrag im Rahmen der "48. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner" in Leipzig verwendet.

Zu beiden Begriffen siehe: Hofmann, Werner; Syamken, Georg; Warnke, Martin. Die Menschenrechte des Auges. Über Aby Warburg, Frankfurt 1980.

 

 

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